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  • 2020resi

Lioba Hölzle: Faszination für MINT

Meine heutige Interviewpartnerin ist Lioba Hölzle, die neben Quidditch, Schwimmen und Bouldern, das Laufen wieder angefangen hat. Zur letzten Sportart erklärt sie mir, dass sie auch nach Jahren noch immer keine begeisterte und regelmäßige Läuferin ist, aber auch so richtig nicht davon loskommen kann. Aktuell würde sie versuchen, sich mit der Begründung zu motivieren, dass man diesen Sport ja pandemie-unabhängig machen könnte.

Ich kann das ein bisschen nachvollziehen - obgleich ich selbst eine begeisterte Läuferin bin, die es allerdings jahrelang nicht geschafft hat, wieder in ein regelmäßiges Training zu kommen. Es fiel mir unheimlich schwer. Mit meinem aktuellen Plan jedoch funktioniert das mittlerweile sehr gut und es fühlt sich gerade so an, als hätte ich mir ein Stück Freiheit zurückgeholt.

Bald doch begeisterte Läuferin...?

Manchmal ist es gut, Dinge weiter anzugehen, immer neu auszuprobieren - gerade, wenn man “nicht (so richtig) davon loskommt”.

Vielleicht fehlte dann bisher nur die richtige Herangehensweise? Der gut funktionierende Plan, die passende Lehrerin, der Wechsel zum richtigen Trainer…?


Wie es zudem zur Aussage von Lioba gekommen ist, dass Faszination für MINT geschlechterunabhängig sei, und was es in dem Zusammenhang mit dem Alleinstellungsmerkmal als Journalistin auf sich hat, zeigt das folgende Interview mit ihr. Und an dieser Stelle möchte ich schon einmal meinen Dank aussprechen für die spannenden Antworten, aber auch für die Ideen, die Lioba hier mit uns teilt.


ambitious.rocks: Wie heißt Du und wie alt bist Du? Und: In welchen sozialen Netzwerken bist Du unterwegs?

Lioba: Ich bin Lioba, 22 Jahre alt und auf Instagram unter @lioba.hoelzle zu finden. Ich freue mich auch sehr über Vernetzungsanfragen bei LinkedIn.


Lioba Hölzle - bei LinkedIn

ambitious.rocks: Was machst Du genau im IT-Bereich? Lioba: Ich studiere Mathematik mit Nebenfach Informatik und bereite mich derzeit auf ein Masterstudium Informatik vor. Das heißt, ich verbessere zur Zeit meine Programmierfähigkeiten und beschäftige mich mit einigen theoretischen Grundlagen wie zum Beispiel Datenstrukturen.

ambitious.rocks: Wow. Wie genau bist Du zu dem Studium bzw. der Fachrichtung gekommen? Gab es eine eine Ausbildung vorab? Lagen spezielle Interessen, Hobbys vor, die Deine Entscheidung hier beeinflusst haben?


Lioba: Dass ich als Nebenfach Informatik gewählt habe, war eine spontane Entscheidung. Bei der Immatrikulation für mein Hauptfach Mathematik musste ich direkt ein Nebenfach wählen. Da es bei uns nur einen sehr geringen Umfang im Studium einnimmt, habe ich mich damit nicht lange beschäftigt und mich dann spontan für Informatik entschieden. Bei meinem derzeitigen Hauptfach fiel mir die Entscheidung nicht ganz so leicht; allerdings mochte ich Mathe in der Schule schon immer sehr gerne und ich war neugierig, was man im Studium noch alles dazu lernen kann.

ambitious.rocks: Welche Vorkenntnisse waren für Dein Studium wichtig? Lioba: Im Informatik-Studium kann man ohne jegliche Vorkenntnisse anfangen. Da der Mathe-Anteil jedoch im Informatik-Studium recht hoch ist, sollte man mit Mathe nicht komplett auf Kriegsfuß stehen. Mir hilft mein mathematisches Grundwissen sehr, um im Informatik-Studium Fuß zu fassen; jedoch muss man auf keinen Fall vorher Mathe studiert haben, um Erfolg im Informatik-Studium zu haben.

Lioba - Escape-Game

ambitious.rocks: Hast Du einen Tipp speziell für Schüler*innen, die vor der Berufswahl stehen und über einen Job in der IT bzw. eine entsprechende Ausbildung, ein Studium nachdenken? Lioba: Vernetze dich mit Studierenden oder Menschen, die in der IT arbeiten. Frag nach, ob sie zum Beispiel das gleiche Fach (am gleichen Ort) nochmal studieren würden und warum. Sich nur auf (Uni-) Webseiten zu informieren, bringt einem längst nicht so viel wie ein kurzes Gespräch mit einer Person, die sich in diesem Fach auskennt. Fragen kostet nichts 😀. Und wenn du niemanden kennst, an den du dich wenden könntest, schreib gerne mir oder sicher auch Simone und Rebecca, denn genau dafür ist dieser Blog ja auch da!


ambitious.rocks: Guter Hinweis zum Vernetzen. Das in der Tat sehr wertvoll, superwichtig und mal ehrlich, in der heutigen Zeit auch total einfach. Ich habe Dich einfach über Instagram angeschrieben und so sind wir in Kontakt gekommen. Und ja, uns von ambitious.rocks kann man jederzeit anschreiben 🙂 . Wir freuen uns immer darüber und genau so wie Du sagst, dafür ist unser Blog eben auch da. Mal eine andere Frage: Wie sah Dein IT-Unterricht in der Schule aus? War die Ausstattung in Bezug auf Hard- und Software ausreichend? Lioba: Da ich in der Schule den sprachlichen Zweig gewählt hatte, endete mein IT-Unterricht nach zwei Jahren mit der 7. Klasse. Wir haben dort sehr grundlegende Sachen gelernt, zum Beispiel "wie schreibe ich eine E-Mail?" oder "wie mache ich eine PowerPoint-Präsentation?". Für mich war da kaum Neues dabei. Am interessantesten war die Programmierung von Robot Karol, mit dem wohl fast alle schon mal die Bekanntschaft machen durften. Ein bisschen neidisch bin ich auf alle, die schon in der Schule eine Programmiersprache gelernt haben. Wir hatten zwei Computerräume, in einem gab es für jede Schülerin einen Rechner, im anderen musste man sich zu zweit einen teilen. Welche Programme dort installiert waren, weiß ich tatsächlich nicht mehr. Als Chefredaktion der Schülerzeitung hatten wir noch den Schülerzeitungs-Computer, für den sich unser Schuldirektor persönlich eingesetzt hatte. Dafür wurde uns auch die notwendige Software zur Verfügung gestellt.

ambitious.rocks: Ich habe mal einen Link zu Robot Karol herausgesucht, ich fürchte, diese Programmierumgebung für Schüler:innen kennen längst nicht alle. Gab es während der Schulzeit Lehrer:innen oder Berufsberater:innen, die Dir in Ausbildungsfragen unterstützend zur Seite gestanden haben? Lioba: Da ich wegen meines Engagements in der Schülerzeitung immer irgendwas mit Medien machen wollte, konnte ich über Workshops und Veranstaltungen der Jugendpresse Deutschland einige Kontakte zu berufstätigen Medienschaffenden knüpfen. Von ihnen hab ich dann den Tipp bekommen, einen MINT-Studiengang zu belegen, da man damit ein Alleinstellungsmerkmal als Journalistin habe und aus der Masse herausstechen könne. Im Nachhinein hätte ich gerne die MINT-Lehrkräfte meiner Schule oder MINT-Studierende ausgefragt, um mehr über die jeweiligen Studiengänge zu erfahren.

ambitious.rocks: Ok. Und spannend. Auch hier sehen wir wieder, wie gut dann Netzwerken ist. Was müsste man Deiner Meinung nach ggf. in der Schule, Berufsschule, Universität ändern? Lioba: Puh, wo fange ich an? Ich bin keine Pädagogin; nach 12 Jahren Schule 4,5 Jahren Studium und einigen Nachhilfeschüler*innen habe ich aber sehr viel Meinung dazu.

ambitious.rocks: Genau die wollen wir erfahren! 😀 Lioba: In den Schulen würde ich zum Beispiel Fachpersonal einstellen, die sich um alles kümmern, was nicht mit Lehre zu tun hat. Darunter fällt die IT-Infrastruktur, aber auch Eventmanagement. Dann können sich die Lehrer*innen gezielter auf die Wissensvermittlung konzentrieren.

In der Uni würde ich bei Studiengängen, die regulär ohne Arbeit in den Semesterferien konzipiert sind (also ohne Hausarbeiten, Praktika etc.), die Semesterdauer verlängern oder Zwischensemester einführen. Denn man soll ja 30 ECTS pro Semester erbringen. 1 ECTS steht dabei für 30 Semesterwochenstunden Arbeit. Bei einer Semesterdauer von 14-15 Wochen ist das eine 60-Stunden-Woche – nicht zu vergessen unbezahlt. Nachklausuren (falls es überhaupt welche gibt) sind meistens nicht wirklich eine Option, die man einkalkulieren sollte, da sie oft schwerer als die Hauptklausuren gestellt werden.

ambitious.rocks: Den Ansatz mit der Uni verstehe ich, welche Aufgaben siehst Du beim Eventmanagement und dem IT-Team in der Schule?

Lioba: Aufgaben für das Eventmanagement wären zum Beispiel die Organisation von Klassenfahrten, Elternsprechtagen oder einfach auch Projekttagen, die es an meiner Schule gab und immer toll waren, aber eben auch sehr viel Energie gebraucht haben. Bei der IT-Infrastruktur von Schulen denke ich immer an meinen früheren Physik-Lehrer, der sämtliche Passwörter für die Verwaltung der Schulcomputer im Kopf hatte und zu Beginn des Homeschooling vermutlich sehr viele Überstunden angesammelt hat, um auch die anderen Lehrkräfte mit der Technik vertraut zu machen. Gleichzeitig gibt es viele Punkte, die in der Schule digitalisiert werden können und vermutlich auch allmählich digital umgesetzt werden. Ich denke da an den Elternsprechtag - um bei diesem Beispiel zu bleiben -, bei dem sich die Schüler*innen per Hand in Listen eingetragen und ihren Eltern dann den Termin mitgeteilt haben. Ein eigenes IT-Team (selbst wenn es nur aus 1-2 Personen bestehen würde) könnte sich besser darauf konzentrieren, solche Prozesse zu digitalisieren, zu optimieren und schließlich auch zu warten, als wenn sich Lehrkräfte zusätzlich zum Unterricht damit befassen. ambitious.rocks: Ich finde Deine Idee gut, in der Schule Fachpersonal für IT-Infrastruktur und Eventmanagement einzustellen. Schule muss sich hier echt verändern, spätestens in der Zeit der Pandemie müsste das wohl allen klar geworden sein. Fällt Dir noch etwas ein, was Du zu IT-Jobs bzw. entsprechenden Ausbildungsmöglichkeiten/zum IT-Studium im Allgemeinen und Besonderen mitteilen möchtest? Wie würdest Du versuchen, bei Frauen das Interesse an IT-Jobs zu wecken? Lioba: Bei IT denkt man ja immer ans Programmieren. Dabei gibt es noch so viele andere Tätigkeiten in diesem Feld, die ohne Code und auch ohne IT-Ausbildung auskommen. Ein gutes Beispiel dafür ist Voice, eine Schnittstelle von IT und Linguistik. Um bei Frauen das Interesse für solche Jobs zu wecken, braucht es Vorbilder. Frauen in diesen Berufen, die sichtbar sind.

ambitious.rocks: Ja, das sehen wir auch so. Was magst Du uns ansonsten noch über Dich erzählen? Lioba: Ich stelle mir hin und wieder die Frage, warum ich als Frau in einem MINT-Studiengang gelandet bin. Was ist in meiner Schullaufbahn richtig gelaufen, dass ich mich das nach dem Abi getraut habe? Warum habe ich das Vertrauen in mich selbst, dass ich Mathe kann? Ich merke immer wieder, dass die Angst vor Mathe von Frauen an Mädchen weitergegeben wird, mit Sätzen wie "ich konnte das auch noch nie", seien es Mütter, Tanten oder Grundschullehrerinnen.

Diese Angst war mir immer fremd. Meine Mama kam in ihrer Schulzeit auch immer gut mit Mathe zurecht und konnte mir auch immer wieder bei den Mathe-Hausaufgaben helfen. Außerdem war ich auf einem Mädchengymnasium. Bei uns waren die Kategorien nicht "Jungs - sind gut in Mathe" und "Mädchen - sind eher nicht so gut in Mathe", sondern "Mädchen, die gut sind in Mathe" und "Mädchen, die nicht so gut sind in Mathe". Bei der Zweigwahl in der 8. Klasse wählte mehr als die Hälfte meines Jahrgangs den naturwissenschaftlichen Zweig (ich übrigens nicht). An welcher Schule hat man das sonst, dass mehr als die Hälfte der Mädchen diesen Zweig wählen? Auf das Vorurteil "Frauen mögen kein MINT" bin ich übrigens erst im Studium gestoßen, als ich das erste Mal nach dem Frauenanteil in meinem Studiengang gefragt wurde. Damals hat mich die Frage ein bisschen verblüfft.

Und das ist meine Vision: Dass wir diese Frage nicht mehr stellen, weil die Faszination für MINT geschlechterunabhängig ist!

ambitious.rocks: Vielen Dank, Lioba.


Lioba und ihre kleine Schwester in Paris



S.



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