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  • 2020resi

Anne, Principle Product Managerin und Product Lead mit zollspezifischem Schwerpunkt - WHAT?

Mit Anne führe ich mein erstes Interview per Telefon. Wir sind an einem Dienstag um 16:00 Uhr verabredet. Ich wähle (mit einer viertelstündigen Verspätung) ihre Nummer und denke über unser Vorgespräch zu diesem Interview nach. In dem hatten wir uns auf ein „normales“ Gespräch und gegen ein strukturiertes Abhandeln von Fragen entschieden. Für mich war das ok, ich kenne Anne schon seit ein paar Jahren. Aber als ich die Nummer in mein Smartphone tippe, kommen mir Zweifel und ich meine plötzlich, dass das Abarbeiten meiner Fragenliste viel besser gewesen wäre. Meine Gedankenkarussell stoppt abrupt als sie abnimmt und ich im Hintergrund Hufgeklapper höre. Ich muss unweigerlich lachen und frage sie noch vor der eigentlichen Begrüßung, ob sie gerade auf ihrem Pferd unterwegs sei.

Sie lacht ebenfalls, bejaht es und fragt, ob es mich stören würde. Natürlich nicht, antworte ich und stelle fest, dass meine anfänglichen Sorgen über die Art und Weise dieses Interview zu führen, verflogen sind. Und wirklich, die nächsten 45 Minuten sind einfach nur großartig und sehr kurzweilig. Dokumentiert habe ich es wie folgt dann doch in einer klassischen Interviewform.


Meine Interviewpartnerin mit Pferd

ambitious.rocks: Was machst Du genau beruflich?

Anne: Ich bin Produktmanagerin, Anforderungsmanagerin und Projektmanagerin in einem. Ich verantworte Zoll-IT-Systeme bei einem größeren Online-Versandhandel. Über dieses Systeme erfolgt die Zollabwicklung der Waren, die wir in Länder außerhalb der EU versenden. Die Anmeldung beim Zoll und das Erhalten des Zoll-(Steuer-)Bescheids erfolgt ausschließlich papierlos - also komplett elektronisch. Mein Team und ich sind für die ständige Weiterentwicklung dieser IT-Systeme zuständig und mein Hauptaugenmerk liegt immer auf der Optimierung: neue Schnittstellen für einen Datenaustausch, ein höherer Automatisierungsgrad, bessere Datenqualität etc. Dabei müssen wir beachten, was sich rechtlich ändert. Aber auch erforderlich werdende technische Anpassungen haben wir im Blick. Nicht zu vergessen, dass das System für die, die damit arbeiten müssen, nutzerfreundlich bleibt. In einem Stellenangebot zu meinem Job würde es Principle Product Manager heißen oder Product Lead.

ambitious.rocks: Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Dir aus?

Anne: Hmm, den typischen Tag gibt es nicht wirklich. Natürlich gibt es ein Daily, einen täglichen Austausch im Team. Wir arbeiten agil und um 11 Uhr haben wir unser Standup. Hier berichtet jeder zu seinen aktuellen Aufgaben, gibt einen kurzen Sachstand und wir tauschen uns zu übergreifenden Neuigkeiten aus.

Unsere Aufgaben, Analysen usw. dokumentieren wir ebenfalls papierlos – oft in gemeinsam genutzten Dokumenten. Die Informationen sind für alle zugänglich, jeder kann und soll beitragen und das geht auch derzeit vom Homeoffice aus unverändert gut.

Dann habe ich oft Treffen mit Stakeholdern. Das können u.a. Nutzer:innen sein, die operativ mit den Systemen arbeiten, externe Dienstleister mit denen wir Daten austauschen, andere Entwicklungsteams im Unternehmen, unsere Rechtsabteilung oder auch der Softwarehersteller, dessen Produkt wir nutzen.

ambitious.rocks: Wie kam es dazu, dass Du in einem Job gelandet bist, der Zoll und IT vereint?

Anne: Es war Zufall, ehrlich gesagt. Ich habe eine Ausbildung beim Zoll gemacht und bin nach einer Zeit im Bereich der Zollabfertigung im fachlichen IT-Anforderungsmanagement gelandet. Mein Bereich war die elektronische Zollanmeldung, die bestimmte Daten zur Ware enthalten und die dem deutschen Zoll zur Verfügung gestellt werden muss, noch bevor diese in Richtung Europäische Union losgeschickt wird - um es einmal kurz zu skizzieren. Es hat mir sofort großen Spass gemacht. Ich bin dann immer weiter in die technischen Themen eingestiegen und habe dann festgestellt, dass ich mein Wissen im IT-Bereich aufbauen möchte. Das konnte ich dann in einem berufsbegleitenden Studium. Nach 2 Jahren hatte ich meinen Master in Wirtschaftsinformatik.

ambitious.rocks: Konntest Du sofort mit dem Masterstudiengang anfangen oder waren speziell Vorbereitungskurse erforderlich? Ich frage, weil Du ja keine klassische IT-Ausbildung „vorweisen“ konntest.

Anne: Stimmt. Ich musste ein Semester extra vorab machen, 3 Hausarbeiten abgeben und ein Programm selbst schreiben. Letzteres hat mir wahnsinnig Spass gemacht und ein paar Jahre früher hätte ich mich danach wohl für ein Informatikstudium entschieden. Es ist unabdingbar, ein gewisses Grundverständnis im Programmieren zu haben, um vernünftige, aber auch mal kreative Lösungen zu entwerfen.

ambitious.rocks: Siehst Du Dich als Quereinsteigerin in Deinem jetzigen Beruf?

Anne: Nein. Ich habe ja ziemlich schnell nach meiner ersten Ausbildung beim Zoll das Studium abgeschlossen. Ich sehe beides als meine Berufsausbildung an. Und das tolle ist, dass ich beide Themen IT und Zoll, also beide Ausbildungen, vereinen konnte.

ambitious.rocks: Wie sieht Deine Life-Balance aus? Warum hast Du heute bereits um 16:00 Uhr Zeit für mich gehabt? ; )

Anne: Tatsächlich habe ich heute einen freien Tag. Aber auch an meinen Arbeitstagen bin ich recht flexibel. Natürlich gibt es feste Termine, aber die lassen sich auch mal schieben und ich kann mir meinen Tag so einteilen, wie es für mich passt. Ich habe Vertrauensarbeitszeit. So kommt es schon mal vor, dass ich meine Mittagspause etwas ausdehne und reiten gehe. Oder morgens vor der Arbeit, in den Stall gehe. Ich habe aktuell neben meinem Pferd noch ein weiteres in Betreuung. Ein ehemaliges Rennpferd, was nun zu einem Reitpferd ausgebildet werden soll. Für mich ist das ein wundervoller Ausgleich zur Arbeit am Schreibtisch.

ambitious.rocks: Das glaube ich Dir, dennoch einmal die Frage nach Deiner wirklichen Arbeitszeit. In einer Position, wie Du sie inne hast und dann noch bei einem größeren Unternehmen… da fallen doch bestimmte viele Überstunden an?

Anne: Sicher mal, aber das versuche ich dann auch wieder auszugleichen, wenn es passt. Ich arbeite mit meinem Team sehr strukturiert. Und ich bin sehr fokussiert, habe für meinen Tag einen Plan und den arbeite ich ab. Und wenn was Wichtiges zwischendurch reinkommt, wird umgeplant. Aus dem Grund schauen wir auch in unseren Team-Meetings jeweils nach spätestens 30 Minuten alle in unseren E-Mail-Account bzw. in unser Ticketsystem, weil wir auch neben der Weiterentwicklung des IT-Systems das laufende Geschäft begleiten. Bei eiligen Themen/ Problemen kann dann schnell reagiert werden. Wenn nichts Wichtiges reingekommen ist, geht es für alle im Team-Meeting weiter. Diese Vorgehensweise vielleicht mal als Beispiel, wie ich strukturiere. Und wenn ich etwas angehe, fokussiere ich mich darauf und lass mich nicht durch vielleicht weniger wichtige Dinge ablenken, dann bin ich sehr effizient

ambitious.rocks: Bewunderns-, bemerkens- und nachahmenswert! Ich erinnere mich, dass Du schon beim Zoll gut strukturiert unterwegs warst.

Mal etwas anderes: Auch wenn die Kombination IT und Zoll für Dich sich jetzt als perfekt herausgestellt hat, was hätte anders sein müssen, um sofort nach der Schule in den IT- Bereich zu gehen?

Anne: Damals habe ich mich für die Ausbildung beim Zoll entschieden, weil ich die Beschreibung der Studieninhalte spannend fand. Also, wenn die Inhalte einer wie auch immer gestalteten IT-Ausbildung genauso interessant beschrieben gewesen wäre, dann hätte ich mich vielleicht dafür entschieden. Wenn mir denn sowas über den Weg gelaufen wäre, denn „IT“ war für mich nichts greifbares und ich hätte nicht danach gesucht.

In der Schule hatte ich keinen expliziten IT-Unterricht. Aber wir hatten einen Wirtschafts-Politik-Lehrer, der mit uns Webseiten erstellt hat und ich hatte total Spaß am Quellcode schreiben .

ambitious.rocks: Ja, es gibt schon tolle Lehrer:innen… Und wir hören immer wieder von Studierenden und Schüler:innen, wie wichtig und erwünscht ein IT-Unterricht in der Schule ist. Wie sah es mit Berufsberatung aus?

Anne (lacht): In der Schulzeit mussten wir Fragen zu unseren Jobvorstellungen beantworten. Ich hatte mir zu der Zeit u.a. den Beruf des/der Architekt:in vorstellen können. Zum Zoll bin ich aber gänzlich ohne Beratung gekommen, unter anderem, weil ich ehrlich Angst vor einem Studium hatte. Und später in meinem ersten IT-Job hatte ich die Möglichkeit, vom Unternehmen einen Coach bereitgestellt zu bekommen, der mich in Sachen berufliche Weiterentwicklung unterstützen sollte. In beiden „Beratungen“ habe ich die Rückmeldung gekriegt: Du bist halt in allem gut.

Hilfreich ist so eine Aussage natürlich gar nicht. Und auch nicht professionell, finde ich.

ambitious.rocks: Vor dem Hintergrund Deiner Erfahrungen hier, was fehlte neben einer guten Berufsberatung? Und was fehlt konkret, um mehr Schüler:innen in die IT-Jobs zu bewegen?

Anne: Das digitale Arbeiten in den Schule scheint ja auch heute noch immer etwas Besonderes zu sein. Es sollte aber „normal“ werden, Teil des Schulalltags ein, des Unterrichts. Und wenn eine Software genutzt wird, warum dann nicht als Lehrer auch mal die Frage stellen, wie die funktioniert und wer was dafür getan hat? Jeder weiß, was ein Lokführer, eine Pilotin, Postbote:innen oder Zahnärzte machen - jedenfalls hat doch jeder ein sehr konkretes Bild, ohne sich mit deren Ausbildungen je näher beschäftigt zu haben - weil diese Berufe sichtbar sind. Da müssen wir mit den IT-Jobs auch hinkommen, denke ich.

ambitious.rocks: Ja, das stimmt. Und es gibt schon zumindest private Initiativen, die das unterstützen. Ich denke da gerade an Cybermentor.de. Danke Anne für Deine Zeit und das schöne Gespräch!

S.

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